• Helmut Geiselhart

Manager, geht bei Künstlern in die Lehre!

Die Unternehmensführung steht vor einem Umbruch. Befehlsgewalt hat ausgedient. Gefragt ist der schöpferische Geist, der auch Künstler beseelt.


Wenn wir über Führung nachdenken, dann kommen uns bestimmte Bilder in den Sinn: der Kapitän auf der Kommandobrücke, der Feldherr auf dem Hügel, der Prophet, der seine Erleuchtungen verkündet.


Solche Vorstellungen helfen nicht mehr weiter. Sie stammen aus einer vergangenen Zeit. Wir können sie nicht mehr brauchen.


Heute können wir unter Führung nur den Versuch verstehen, hochkomplexe Zusammenhänge, die ständig in Bewegung sind, zu beeinflussen. Und dabei mit ihnen so umzugehen, dass der Bestand der Systeme gesichert bleibt. Dazu ist es zunächst erforderlich, um diese Systeme zu wissen und ihre Funktionsweise zu verstehen:


  • Es handelt sich um geschlossene Systeme, die von außen schwer zu beein­flussen sind; wir wissen nicht, was wir mit massiven Systemeingriffen auslösen und wir sollten es deswegen vorziehen, auf kurzfristige Vorteile zu verzichten, zugunsten langfristiger Erfolge.



  • Führen heißt vor allem: machen, dass die Dinge sich machen. Da Organisationen nur durch Kommunikation zustande kommen, die zu Entscheidungen führt, ist es erste Führungsaufgabe, für die Qualität dieser Kommunikation zu sorgen. Die Teilnehmer an Meetings sollen daher kompetent diskutieren und originelle Entscheidungen treffen können.




  • In einem Unternehmen gibt es unterschiedliche Strömungen und wider­sprüchliche Kräfte. Führung braucht möglichst viel Gestaltungsmacht und muss der Blockiermacht enge Grenzen ziehen. Vor allem muss sie Widerstände so behandeln, dass sie nicht verstärkt werden.



  • Am stärksten motiviert uns, was wir für sinnvoll halten. Und sinnvoll ist etwas, das unserem Leben eine besondere Bedeutung gibt. Als Menschen sind wir sogar bereit, für Sinn unsere Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Hohe Führungs­leistung besteht darin, den Mitarbeitern eine Perspektive aufzuzeigen, die von Sinn erfüllt ist.


Aber dies alles reicht noch nicht. Die Welt ändert sich mit einem Tempo, mit dem übliche Restrukturierungen nicht mithalten können, weil sie an etwas anpassen, das inzwischen schon selbst wieder veraltet ist.


Führung muss das Unternehmen für die Zukunft rüsten. Sie muss schöpferische Leistungen ermöglichen, die das Unternehmen originell machen, unverwechselbar, zu etwas ganz Besonderem. Die Organisation muss also wandlungsfähig sein und künftige Entwicklungen vorwegnehmen können.

Wenn Führung dies ermöglichen will, muss sie dafür sorgen, dass die Untersysteme lose miteinander gekoppelt sind, dass sie autonom und doch ineinander integriert sind. Und das bedeutet, dass die Menschen bereit sind, immer wieder kritisch über sich nachzudenken und auch schwache Signale und diskrete Hinweise aufzugreifen.

Wo können Manager die Inspiration für diese schwierige Aufgabe gewinnen? Sicher nicht nur aus der mathematisierten Betriebswirtschaft. Manager sollten bei Künstlern in die Lehre gehen, weil die aus anderen Quellen schöpfen. Sie vollbringen Werke, mit denen sie die Grenzen des Üblichen überschreiten, weil sie über Kräfte verfügen, die aus ganz anderen Bereichen ihrer Persönlichkeit stammen.


Führung braucht die Kraft der Gefühle


Gute Künstler zeichnet aus, dass sie einen neuen Blick auf die Welt werfen, so wie Kinder, mit großer Offenheit. Sie besitzen besondere Aufmerk­samkeit. Sie sind wie die jüngsten Brüder in den Märchen, die auf die kleinen Dinge achten und mit Hilfe unscheinbarer Wesen Aufgaben bewältigen, die jedem anderen als unlösbar erschienen.


Künstler unterscheiden sich dadurch, dass sie loslassen und Abschied nehmen können. Sie kleben nicht am Bisherigen und klammern nicht am Vertrauten, so wie der achtzigjährige Firmengründer, der nicht ausscheiden kann und den Nachfolger mit Rivalitätsgebaren schikaniert.


Nietzsche beschreibt die beiden Kräfte, die in ungewöhnlichen Menschen am Werk sind, als das Dionysische und das Apollinische, also das Rauschhafte und das Rationale, die Begeisterung und das praktische Können, das Mitreißende und das Vernünftige. Künstler können beide Kräfte in sich zulassen. Sie können sogar aus diesen gegensätzlichen Kräften, die in ihnen am Werk sind, aus der paradoxen Situation, die in ihnen entsteht, und den sich gegenseitig blockierenden Begegnungen, die sie empfinden, etwas ganz Neues hervorbringen.



Ein junger russischer Jurist mit besten Karriere-Aussichten besucht 1896 in Sankt Petersburg eine Impressionisten-Ausstellung. Bei der Betrachtung des Bildes „Der Heuhaufen“ von Claude Monet gerät er in Ekstase. Derselbe Mann sitzt nach der Premiere von Wagners Lohengrin noch stundenlang in der Oper und weint. Den Sonnenuntergang über Moskau zu erleben, bewegt ihn tief und erfüllt ihn mit einem solchen Glücksgefühl, dass er auch in späteren Jahren in Paris noch davon zehrt.

Der Mann heißt Wassily Kandinsky und wird als Erfinder der abstrakten Malerei in die Kunstgeschichte eingehen. Mit ihr verschafft er der bildenden Kunst ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten.


Ich glaube, dass Unternehmensführung in der heutigen Welt von Künstlern wie Kandinsky lernen kann. Denn sie verlangt mehr als nur rationale Kompetenz, sie braucht auch die Kraft des Emotionalen. Das Ungewöhnliche, durch das ein Unternehmen sich von anderen unterscheidet, entsteht dadurch, dass Vernunft und Gefühl aufeinander treffen. Widersprüche zwingen das Neue herbei.


Vorbilder gibt es dafür wenige, vielleicht keine. Führung gilt es heute neu zu erfinden.

Der Autor ist Gründer seines eigenen Instituts „Geiselhart Seminare" und WirtschaftsWoche-Kolumnist.

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 02.01.15 auf WirtschaftsWoche veröffentlicht.